Der Bildschirm flackert. Die Überwachungsleitung zum Planeten Erde ist wieder instabil. Das liegt am zu geringen Forschungsbudget. Vielleicht hätte ich etwas Handfestes studieren sollen wie Literatur oder Philosophie, anstatt mich der Erkundung fremder Spezies zu widmen. Doch genug gejammert, ich habe zu tun!

Für eine Studienreise fehlt es an Geld, daher bleibt mir nur, am Computer durch die Welt der Menschen zu streifen. Übrigens tun viele Erdlinge etwas Ähnliches, zu meinem Erstaunen jedoch zum Vergnügen und ohne wissenschaftliches Interesse. Und das ist nicht deren einzige Eigenart. Wie eine unzivilisierte Ansammlung von Mängelwesen es geschafft hat, Jahrtausende zu überleben, ist mir ein Rätsel, doch ich hoffe, es eines Tages zu lösen. Vielleicht leistet mein aktuelles Projekt einen kleinen Beitrag. Ich erforsche die Bedeutung der Worte „Ich liebe dich“, denn meine Recherchen haben ergeben, dass sie den Menschen alles bedeuten.

Die Suchfunktion des Erdüberwachungsprogramms hakt. Daher dauert es Stunden, bis ich einen Erdling beim Aussprechen der magischen Kombination erwische. Ich stelle seinen Kanal auf Dauerüberwachung und ermittle weitere Versuchspersonen.

In den ersten Tagen kann ich mit den Aufnahmen wenig anfangen, mit der Zeit wird die Datenauswertung aussagekräftiger. Meine ersten beiden Objekte scheinen einander bei ihrer Entdeckung das erste Mal „Ich liebe dich“ gesagt zu haben – ein Glücksfall. Anfangs werfen sie der Toilettentür schmachtende Blicke zu, als sei es schrecklich, drei Minuten ohne den anderen zu verbringen. Ein paar Wochen später gibt es Erleichterungsseufzer, wenn sie die Haustür von außen schließt und Augenrollen, wenn er an der ihren klingelt. Dennoch treffen sie sich, seltener als anfangs, doch regelmäßig. Warum quälen sie einander mit ihrer Anwesenheit, obwohl sie ihnen aufs Gemüt schlägt? „Ich bekomme doch sonst keinen mehr ab“, sagt sie, als eine Freundin ihr diese Frage stellt. Sie ist lieber mit ihm unglücklich als allein. Ein Einzelfall oder ein Fehler in der menschlichen Genetik?

Ich wechsle den Kanal und sehe einen Streit, wie er auf diesem Sender fast täglich läuft. „Ich liebe dich“, sagt sie. „Und wenn du mich auch liebst …“ Es lohnt nicht, weiter zuzuhören. Dieser Satz endet immer ähnlich. Er soll sich nicht mit seiner besten Freundin treffen, die er schon aus dem Sandkasten kennt, nicht mit seinen Freunden um die Häuser ziehen, weil er dabei anderen Mädels nachschauen könnte, nicht ins Fitnessstudio, wo andere seine Muskeln bewundern, überhaupt nirgendwo hin, außer zu ihr. Sie sperrt ihn ein und er lässt sie gewähren.

Lustlos zappe ich zwischen den Kameras hin und her, sehe Paare, die sich gegenseitig darin überbieten, die Schwachstellen des anderen zu nutzen und Menschen, die andere zu verbiegen suchen, bis sie ihrem Traum entsprechen oder sie fallen lassen, wenn sie feststellen, wie real sie sind. Ich nutze die Suchfunktion, um schönere Bilder zu finden, welche aus der Zeit, in dem der Hormonrausch beide zu Lügnern macht, die ihre schlechten Seiten verbergen. Doch sie muntern mich nicht auf, denn ich kann mir denken, was daraus werden wird.

Ermattet schalte ich den Bildschirm aus. Ich habe zu viel Zeit mit den Menschen verbracht, ich mag sie nicht leiden. Doch wenigstens bin ich zu einem Ergebnis gekommen.

Ich weiß jetzt, was „Ich liebe dich“ bedeutet:

Es ist eine Kriegserklärung.