Da ich nicht nur gerne lese, sondern auch den Austausch mit anderen suche, treibe ich mich häufig in Buchgruppen bei Facebook herum. Dort gibt es gelegentlich interessante Diskussionen. Ich finde es spannend zu lesen, was andere an Literatur schätzen oder womit sie nichts anfangen können. Mich stört es als Leserin zum Beispiel, wenn ich eine Geschichte als unglaubwürdig empfinde. Teils wurde mir deshalb schon nahe gelegt, nur Sachbücher zu lesen. Das ist aber erstens keine Lösung und geht zweitens an dem vorbei, was ich mit Unglaubwürdigkeit meine. Der Begriff führt häufig zu Missverständnissen, weshalb ich hier nun meine Gedanken dazu schildern möchte.

Glaubwürdigkeit hat nicht zwingend etwas mit Realitätsnähe zu tun

Auch fantastische Geschichten, die in fremden Welten spielen, können glaubwürdig sein. Es kommt nicht darauf an, möglichst nahe bei der Realität zu bleiben, sondern die inneren Gesetzmäßigkeiten der Handlung und des Schauplatzes nicht zu brechen. Ein guter Fantasy-Roman ist in sich stimmig und lässt mich keine Sekunde bewusst daran denken, dass ich mich gerade lesend durch eine realitätsferne Welt bewege. Unglaubwürdig wird die Geschichte für mich dann, wenn Dinge geschehen, die nicht so recht in die fiktive Welt passen wollen.

Vielleicht wird anhand eines konstruierten Beispiels klarer, was ich damit meine:
Angenommen die Geschichte spielt in einer Welt, in der es geheimnisvolle Portale gibt, die laut nur in Vollmondnächten aus dem Nichts auftauchen und sofort wieder verschwinden, sobald eine Person hindurchgegangen ist. Als der Protagonist in einer Neumondnacht auf der Flucht ist und es keine Rettung mehr zu geben scheint, öffnet sich vor ihm plötzlich ein Portal. Es gibt dafür weder eine Erklärung noch wundert sich jemand darüber, weder an dieser Stelle noch im weiteren Verlauf des Romans. Das wäre für mich unglaubwürdig. Wieso kann jemand in einer Neumondnacht durch ein Portal fliehen, das eigentlich gar nicht da sein dürfte, da es nur bei Vollmond erscheint? Etwas anderes wäre es natürlich, wenn dieser Bruch mit der Regel bewusst vorgenommen wurde und auch in der weiteren Handlung noch eine Rolle spielt.

Von der Mischung aus Fiktion und Realismus

Je nach Genre ist eine Geschichte mehr oder weniger stark in unserer realen Welt verankert. Wie funktioniert eine gute Dystopie? Indem sie bereits beobachtbare gesellschaftliche Entwicklungen aufgreift und weiterspinnt, mitunter auch auf die Spitze treibt. Dadurch wird die fiktive Zukunft für den Leser greifbarer, als wenn es gar keine Berührungspunkte mit unserer heutigen Realität oder Vergangenheit geben würde. Das bedeutet nicht, dass völlig realitätsferne Erzählungen nicht auch funktionieren können. Sofern sie glaubwürdig erzählt sind, ist vieles möglich.

Ist ein Buch in der gegenwärtigen Welt angesiedelt, fallen fiktive Brüche besonders auf. Es kann spannend sein, mit den bekannten Begebenheiten zu spielen, sie zu variieren oder auch fantastische Wesen oder mysteriöse Kräfte walten zu lassen, die es in der Realität gar nicht gibt. Ist das stimmig umgesetzt, verfolge ich mit Spannung das Geschehen, ohne dass es mir unglaubwürdig erscheint. Allerdings tue ich mich bei sehr realitätsnahen Geschichten schwer mit Abweichungen, die für mich nicht nachvollziehbar sind. Wenn zum Beispiel im Jahr 2020 alle plötzlich nur noch sogenanntes »Bildungsfernsehen« schauen würden, müsste mir der Autor plausibel erklären, wie es zu dieser unwahrscheinlichen Entwicklung kommt. Dass man 2020 im Dschungel vor laufender Kamera lebende Mäusebabys verspeist, könnte ich eher glauben als dass ein kultureller oder wissenschaftlicher Spartensender plötzlich hervorragende Einschaltquoten verzeichnet. Trotzdem könnte ich mich darauf einlassen, wenn ich verstehe und nachvollziehen kann, warum sich der Fernsehgeschmack so drastisch ins Gegenteil verkehrt hat.

Ob mir eine Geschichte glaubwürdig erscheint oder nicht, ist also keine Frage des Genres, des Schauplatzes oder der erzählten Zeit, sondern hängt allein von der Schlüssigkeit der Erzählung ab.

Bewusste Unglaubwürdigkeit

Es gibt auch Spielarten der Literatur, die bewusst absurd, grotesk, geradezu übertrieben unrealistisch geschrieben sind, die also gar nicht glaubwürdig sein wollen. Bei solchen Geschichten merke ich beim Lesen aber sofort, dass ich gar nicht schlucken soll, was mir aufgetischt wird. Darüber kann ich sogar herzhaft lachen. Der wesentliche Unterschied zu einer im negativen Sinne unglaubwürdigen Erzählung ist hier, dass die Unglaubwürdigkeit quasi der Logik – oder besser gesagt der absichtlichen Unlogik – der Handlung entspricht.